Neue Belgische Welle

Mit Konzeptkreationen erobern belgische Modedesigner die Laufstege und Modehäuser der Welt

In Westeuropa übernehmen die Belgier die Rolle der Finnen in Nordeuropa: schräge Vögel. Sie stehen auf Comics, brauen exzentrische Biersorten und ihre berühmteste Statue pinkelt. Eigentlich sollte es nicht verwundern, wenn dieses kleine Land auch im Modedesign andere Wege geht. Und das mit zunehmendem Erfolg. Seit den inzwischen etablierten Antwerp Six – Dirk Bikkembergs, Ann Demeulemeester, Walter Van Beirendonck, Dries Van Noten, Dirk Van Saene und Marina Yee; allesamt Absolventen der Königlichen Akademie der schönen Künste in Antwerpen – rollt eine neue Belgische Welle über die Laufstege der Modewochen. Unter ihnen Raf Simons, Glenn Martens, Mathieu Blazy, Pieter Mulier, Anthony Vaccarello und Christian Wijnants.

Abseits des Modezirkus haben diese Namen noch einen vergleichsweise geringen Wiedererkennungswert, doch auf und neben den Laufstegen sind sie längst Stars. Raf Simons ist heute einer der beiden Kreativdirektoren bei Prada – nach Station bei Jil Sander, Dior und Calvin Klein. Vor seiner Tournee durch die großen Modehäuser entwarf er eigene Kollektionen wie z. B. Radioactivity (1998), stark beeinflusst von der Elektronikband Kraftwerk, die ein gleichnamiges Album vorlegte und mit ihren Album- und Konzertkostümdesigns die Outfits der Models inspirierte.

Mit Kraftwerk verbindet die belgischen Modedesigner auch ihre Vorliebe für Konzepte. „Bei mir braucht jedes Teil noch eine Idee, um eine Berechtigung zu haben“, verriet Glenn Martens, der einmal in Anspielung an René Magritte als Fashion-Surrealist bezeichnet wurde. „Und wenn ich mit Dries spreche, sagt er das Gleiche. Er macht nie nur schöne Kleider. Natürlich sind sie schön, aber jeder Print, jeder Schnitt hat noch eine Geschichte.“

Tatsächlich erklären die Liebe zum Spleen und eine gewisse Mainstream-Verweigerung noch nicht den Erfolg der Belgischen Welle. Vielmehr steht der Belgien-Boom für eine handwerklich solide Ausbildung mit entsprechender Detailfreude und der fest verankerte Wille, etwas zu schaffen, das sich der Beliebigkeit entzieht, unter der so viele Modekreationen leiden: echte Kunst. Oder wie der australische Mode-Journalist Dan Thawley schrieb: „Trotz ihrer unterschiedlichen Generationen und Sensibilitäten sind sie alle Poeten.“

Credit: Shutterstock; Models pose on the runway during the Dries Van Noten show as part of the Paris Fashion Week Womenswear Spring/Summer 2016 on September 30, 2015 in Paris, France.
 

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