Ansteckend!

Die Brosche ist zurück. Befreit von altbackener Sonntagsstrenge wird sie zu einer Schlüssel-Applikation aktueller Schmucktrends, zum Under-Statement.

Nicht nur Kleidung unterliegt dem stetigen Wandel. Gleiches gilt für Schmuck, wenn auch mit einer deutlich geringeren Frequenz. Allerdings mahnt Schmuck noch deutlicher zur Umsicht. Allzu leicht wird ein „too much“ erreicht und man gleicht einem Weihnachtsbaum to go oder einem dieser senilen Generäle, die sich einen Besenstiel in die Uniform stecken, damit das Gewicht ihrer Staatsklunker sie nicht nach vorne kippen lässt.

Der Satz „Viel hilft viel“, der schon bei Medikamenten falsch ist, ist es erst recht bei Schmuck. Weder Menge, Größe noch monetärer Protzwert machen hier die Musik, sondern die Stimmigkeit im Verbund mit der restlichen Garderobe und nicht zuletzt mit der Person, die sie trägt. Schmuck ist keine Leuchtreklame, die schon von Weitem signalisieren soll, dass sich hier jemand furchtbar wichtig nimmt. Schmuck wirkt meist umso mehr, je dezenter und subtiler er eingesetzt wird.

Das widerspricht nicht zwangsläufig dem Trend, den der Bundesverband Schmuck, Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien (BVSU) ausmacht. 2024 bringt unter anderem die Wiederkehr von Klassikern, etwa Omas Perlenkette, getragen „als Stilbruch zu modernen Looks“ sowie monumentalen und skulpturalen Schmuck, „inspiriert von Architektur und Bildhauerei“. Keine Angst, Sie brauchen sich keine Statue ans Revers zu heften oder eine Miniaturversion von Zaha Hadids Innovation Tower. Die Autoren des Trendreports dachten eher an analoge Schmuckstücke wie Armcuffs (also offene Armreife), Creolen und Colliers, die wie organisch mit dem Körper harmonieren, „wie seine Erweiterung“ wirken.

Auch die Brosche erlebt eine Auferstehung. Ihr olles Mumien-Deko-Image à la Queen und Kleinstadtbürgermeisterfrauen konnte sie bei ihrer Wiedergeburt abschütteln wie ein quirliger Fußballspieler die ihn verfolgenden Gegenspieler: weg von der steifen Festlichkeit hin zum humorvollen bis verspieltem Statement, bisweilen auch mit politischer Message wie die US-amerikanische Anwältin Jill Wine-Banks, die Donald Trumps Freispruch beim Amtsenthebungsverfahren 2020 mit einer Pinocchio-Brosche kommentierte. Auch die Stelle am Kleidungsstück, an der Sie die Brosche anbringen, ist heute befreit von der einstigen Altdamenstrenge, die Broschen grundsätzlich ans linke Revers heftete.

Im Luxus-Segment orakeln die Experten ein Comeback mondäner Colliers und Armschmuck mit Diamanten und Farbedelsteinen, „gemacht für den großen Auftritt, für rauschende Roben und festliche Bälle“. Das erinnert sehr an das Fin de Siècle, jene Epoche, die den Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert markierte und mit dem Ersten Weltkrieg endete. In Vorwegnahme des Untergangs herrschte gleichermaßen Endzeitstimmung und eine verzweifelte Lust zum Feiern im großen Stil. „Smaragdgrün, Saphirblau und Rubinrot – klare, reine Farben sind die perfekte Wahl, um Diamantschmuck gekonnt zu ergänzen“, empfiehlt der BVSU. Zumindest an den besonderen Tagen darf es dann ruhig ein bisschen funkeln.