Vom Lockdown zum Slowdown

Die Coronakrise verändert die Modebranche. Und das ist gut so. Eine Abkehr vom „immer schneller, immer mehr“ ist überfällig.

Auf den Seitenstreifen kleiner und größerer Straßen, die vor Monaten noch von protzigen SUVs besetzt waren, als habe eine feindliche Macht ihre übellaunigen Stadtpanzer dort aufgereiht, blühen jetzt Blumenkästen, Sofas und die Tische und Stühle von Cafés, Bars und Restaurants. Andernorts leuchten die frischen roten oder blauen Markierungen neu entstandener Radfahrerspuren.
Hier zeigt sich ein sympathisches Gesicht der ansonsten zweifellos sehr umstrittenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens als staatliche Antwort auf die Corona-Pandemie. Das Leben mit dem Virus und den Maßnahmen hat den Alltag der Menschen auch in diesem Land verändert wie kein anderes Ereignis seit dem Mauerfall. Viele dieser Veränderungen werden langfristig sein. Wie sehr sogar die Mode davon betroffen ist, prophezeite die niederländische Trendforscherin Li Edelkoort auf einem Online-Vortrag zum Thema „The Future of Luxury“.

Der Lockdown habe das Leben nicht nur eingeschränkt, sondern auch gezeigt, worauf man verzichten könne, ohne dass die Lebensqualität zwangsläufig darunter leide. Generell kaufen Konsumenten künftig bewusster, weniger impulsiv, dafür sinnvoller und nachhaltiger, schätzt Edelkoort. Ein weiterer Faktor ist Entschleunigung. Das Mode-Rad aus immer mehr neuen Kollektionen in immer kürzeren Abständen und inflationären Fashion-Weeks drehte sich zuletzt immer schneller und trieb bereits vor dem Lockdown viele Modehäuser in die Krise. Designer Dries van Noten nannte es jüngst einen „Teufelskreis aus Verschwendung und Überproduktion“.

Corona war nur ein Verstärker. Die Leute blieben zu Hause. Homeoffice und heimischer Fernsehabend stellen nun mal nicht dieselben Anforderungen an die Garderobe wie Büro und Bar, Theater oder Vernissage. „Stille“ sei laut Edelkoort einer der Mega-Trends, den der Lockdown gleichermaßen offenlegte und anfeuerte: „Klassische Mode mit hellen Tönen, reineren und weißen Farben, alterslos und improvisiert. Wir werden mehr Wert auf Qualität und Schönheit legen. Und wir werden in Zukunft weniger Kleidung kaufen, dafür aber genauer auswählen und in Qualität und Luxus investieren.“ Diese neue Ruhe visualisiere sich in Form von Leinenstoffen, handgefertigten Stickereien und luftigen Silhouetten – kombiniert mit hellen, reinen Nuancen und klassischen, zeitlosen Schnitten.

Größer würde zudem die Rolle von Natur und Handwerk in der Mode. Innovative Materialien auf Pflanzenbasis, etwa die aus Holz gewonnene Faser Lyocell, ersetzen zunehmend erdölbasierte Kunstfasern, glaubt Edelkoort. Ein positive Entwicklung. Für Mensch und Natur.

Foto: Shutterstock

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