Drunter und drüber

Nach seiner In-Phase in den 70s wurden jahrzehntelang nur noch Opis und Streber damit verunstaltet. Doch jetzt ist der Pullunder zurück und mischt die Mode auf. 

In seinem Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins schreibt der tschechische Autor Milan Kundera über die Ewige Wiederkehr, einen Begriff, den der Philosoph Nietzsche prägte. Vereinfacht besagt er, dass sich alle Ereignisse irgendwann wiederholen, einschließlich der Wiederholung. Damit laste auf jeder Geste eine große Verantwortung, denn einmal getätigt, verschwinde sie nicht mehr aus der Welt. Zumindest die Mode liefert gute Argumente für Nietzsches Idee. Viele Trends sind nach Zeiten in der Versenkung wieder aufgetaucht. Jüngstes Exempel: der Pullunder (engl. Sweater Vest). In den 1970ern kam der ärmellose Pullover, der meist über einem Hemd mit ausladendem Kragen getragen wurde, groß raus. Zumeist mit V-Ausschnitt und Schottenmuster. Als die Pullunderwelle verebbte, fristete das Kleidungsstück ein Nischendasein auf Golf- und Cricketplätzen, in Seniorenheimen, Internaten und am Körper des ewigen Außenministers Hans-Dietrich Genscher.

Als diesen Januar in Mailand die kommende Herbst/Winter-Mode vorgestellt wurde, erlebte der Pullunder ein rasantes Comeback. Gleich das erste Model, das Prada über den Laufsteg schickte, bescherte den Zuschauern ein 70s-Déjà-vu. Allerdings trug das Model eine spießigkeitsreduzierte Version des ärmellosen Strickpullovers: monochrom in modischem Anthrazit mit Rundhalsausschnitt, darunter ein ebenfalls ärmelloses bunt gemustertes Hemd mit gelbem Minischlips. Noch eine Idee cooler pimpte Fendi sein Pullunder-Reload: Komplett schwarz von der Trawler-Mütze bis zu den Stiefeln. Das Model trägt den Pullunder wie ein Muskelshirt oder Tank Top. Trotz V-Ausschnitt würde hier wohl niemand an Old Genscher denken. Zweifellos gibt es unter den Entwürfen für 2020 auch einige, die sehr viel mehr ein Retro-Flair vermitteln, etwa bei Lacoste (z. B. burgunderrot mit Karo-formenden dünnen weißen Streifen). Allerdings hatte Lacoste schon immer eine hohe Golf-Affinität. Mit diesem Argument lassen sich selbstverständlich sämtliche britischen Modehäuser entschuldigen, denn auf der Golf- und Cricket-Insel hatte sich der Pullunder nie so sehr aus der öffentlichen Wahrnehmung verabschiedet wie auf dem Festland. 

Auch bei den Frauen macht das neue Pullunder-Spektrum keinen Halt vor 70s-Reminiszenzen, fällt aber noch deutlich verspielter aus als bei den Männern. Über der Bluse und unter dem Blazer. Louis Vuitton etwa präsentierte in ihrer Frühjahr/Sommer-Kollektion für 2020 einen paillettenbesetzten Damenpullunder, der im Scheinwerferlicht funkelt wie die Schuppen einer Meerjungfrau. Und mit seiner vogelwilden Grün-pink-beige-gestreiften Kreation in Zopfstrickmuster und Metallic-Optik bereichert das Londoner Label Ashish das Pullunder-Revival um eine ordentliche Portion Patisserie-Flair. Die Grenze zwischen Spießigkeit und Ironie ist fließend. So gesehen erfordert ein Pullunder in diesem Jahr deutlich weniger Mut, als ein U-50-Mensch benötigt, um zuzugeben, dass er das Joggen aufgehört habe und sich jetzt dem Golf widme. Im Gegenteil, bei dieser Vielfalt ist es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass sich der Pullunder als diesjähriges It-Piece etabliert. 

Foto: Christian Vierig/Getty Images

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