Brust raus

Während es bei der Meinungsfreiheit immer enger wird, öffnet sich zumindest die Mode und entledigt sich lang gehegter Tabus: Vorhang auf für das Männer-Dekolleté!

Männer ließen es schon immer gerne raushängen: ihr Brusthaar. Kino und Popmusik liefern endlose Beispiele. In den 1920er- und 1930er-Jahren waren es Stars wie Douglas Fairbanks und Errol Flynn die als Abenteuerhelden die vertikale Variante des „bauchfrei“ zelebrierten, in den 1950er- und 1960er-Jahren dann Marlon Brando und Sean Connery, die den Brustteppich zum neuen Frack erklärten, gefolgt von Freddy Mercury und den Vortänzern der Disco-Fraktion, John Travolta und Boney-M.-Sänger Bobby Farrell, die ihrem Publikum mit dem bauchnabeltiefen V-Ausschnitt archaische Perspektiven bescherten.

In den 1980ern gesellten sich Harrison Ford als Indiana Jones sowie die Protagonisten unzähliger Hardrock-Bands zum Team „Männer-Dekolleté“. Doch geschahen diese provokanten Einblicke in das männliche Selbstbewusstsein stets in eng definierten Räumen. James Bond hätte sich nie in Badehose oder mit weit aufgeknöpftem Hemd an den Roulette-Tisch gesetzt. Heute sind Galas wie die Oscar-Verleihung schon lange keine Tabuzonen mehr für textile Experimentierfreude und epochale Mode-Desaster.

Und um einen Staatspräsidenten mit offenem Hemd abzulichten, muss man längst kein gewiefter Paparazzo mehr sein, der Personal besticht, über Mauern klettert und dem Präsidenten aus einer Mülltonne heraus am Pool knipst. Je unbeliebter ein Politiker ist, desto offener gibt er sich – zumindest äußerlich. Emmanuel Macron versuchte es 2022 mit einer freizügigen Präsentation seines Brust-Flokati. Mit mäßigem Erfolg. Noch unbeliebter als Macron war bei einer Umfrage 2026 nur Friedrich Merz. Bei aller verständlichen Verzweiflung wollen wir letzteren keinesfalls ermutigen, ebenfalls sein Hemd zu öffnen. Deutschland wäre nachhaltig traumatisiert.

Wie halten es die großen Modehäuser mit dem Männer-Dekolleté? Etwas origineller und mutiger als Louis Vuitton (aufgeknöpfte Hemden mit Tanktop), versuchte es Saul Nash mit einem Hemd mit seitlichem Ausschnitt, der eine Brust freistellt. Und während das männliche Pyjama-Anzug-Model von Dolce & Gabbana lediglich mit komplett aufgeknöpftem Oberteil und darunter nacktem Oberkörper über den Laufsteg schlurfte, entwarf das US-amerikanische Label Eckhaus Latta ein Brustfrei-T-Shirt, bei dem sowohl beide Brüste als auch auch der gesamte Bauch über dem Nabel freigelegt sind.

In dieser erweiterten Enthüllung der Männerbrust zeigt sich je nach Geschmack eine wachsende Offenheit, ganz im Sinne von anything goes, oder aber eine Fortsetzung der gehobenen Wohlstandverwahrlosung alias kosmischer Gleichgültigkeit, erkennbar beispielsweise auch an der durch die Corona-Politik begünstigte Jogginghosen-Dichte an Orten, die eher wenig mit Sport zu tun haben: Restaurants, Arztpraxen, Universitäten. Wie auch immer man dazu stehen mag, das „he-vage“ – ein englisches Kofferwort aus „he“ (deutsch: er) und „cleavage“ (deutsch: Ausschnitt, Dekolleté, Brustansatz) ist nun mal da. Und wie es scheint, wird es bleiben. Vielleicht sollten wir es als Wink betrachten: als überfälligen Schritt zur männlichen Emanzipation.

Foto: Shutterstock
 


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