Modisch sein kann jeder – zu Stil gehört mehr: Gespür, Selbstsicherheit, Taktgefühl und Begeisterung. Influencer Ben Bernschneider schwärmt von seinen 100 Staple Pieces
Typen mit Schnauzer sollten sich eigentlich nicht über Stil oder Geschmack äußern, denn allein mit ihrer Gesichtshaarwahl haben sie sich nachhaltig disqualifiziert. Die 1980er-Jahre waren schließlich nicht nur wegen Vokuhila und Dauerwelle eine Style-Apokalypse. Kann man so sehen. Wir aber möchten etwas offener sein und erst mal schauen, was der „Influencer“ Ben Bernschneider über „Staple Pieces“ zu sagen hat, der Mann mit dem „horizontalen Ausrufezeichen“ im Gesicht, wie es das Comedy-Duo Erkan und Stefan einst auf Kiez-Deutsch zum Ausdruck brachte.
Und in Bernschneiders Buch „100 Staple Pieces – Die Wunschliste des modernen Gentleman“ steht einiges, was uns gefällt: „Mode macht nur dann Freude, wenn man sie aus Neugier entdeckt, nicht aus Pflichtgefühl. Wer zum Beispiel gezwungen wird, einen Anzug zu tragen, aufgrund seines Jobs, ohne dass er sich dafür begeistert, wird den Anzug auch immer damit assoziieren. Alles, was unter Zwang passiert, stirbt schnell. Alles, was mit Begeisterung beginnt, bleibt.“ Das klingt zumindest plausibel, auch wenn wir geneigt sind die Augenbrauen anzuheben. Ein Gentleman würde sich doch selbst nicht als Gentleman bezeichnen!
Doch zunächst zum wichtigsten Punkt: Was sind Staple Pieces? Das englische Wort „staple“ steht nicht etwa für stapeln, also auftürmen, oder gar – übertragen – hochstapeln. Es steht für „Grundsätzliches“: „Staple food“ beispielsweise bedeutet „Grundnahrungsmittel“. Staple Pieces steht sozusagen für den Grundstock einer soliden Garderobe. Im Gegensatz zu Trend Pieces, die sich dem aktuellen Mode-Diktat unterwerfen, verkörpern Staple Pieces zeitlose, hochwertige, vielseitige und farblich eher neutrale Kleidungsstücke, die Bestand haben und den persönlichen Stil rahmen.
Was das Buch von Mr Influencer sympathisch macht, ist seine Gentleman-Haltung: „Mode ist für mich eine große Spielwiese. Sie ist Eskapismus und Luxus. Wenn er uns vergönnt ist, sollten wir ihn wertschätzen. Wer jedoch andere aus diesem Spiel ausgrenzt, weil sie sich die schönen Dinge nicht leisten können oder sich vermeintlich »falsch« anziehen, oder wer sich über andere erhebt, weil er »schöner angezogen« ist, sollte sich in Grund und Boden schämen und hat etwas deutlich missverstanden.“ Auf uns bezogen heißt das selbstverständlich, dass wir Leute mit Schnauzer nicht geringschätzen, nur weil uns dieses Stilmittel nicht gefällt. Ben Bernschneider ist gewiss kein Intellektueller, andernfalls würde er die USA nicht als „Demokratie“ bezeichnen. Positiv zu würdigen ist allemal sein Plädoyer für gute Umgangsformen und für Respekt vor anderen Menschen – egal wie sie aussehen oder sich kleiden.
Kommen wir zu seiner 100-Staple-Pieces-Liste. Darin befinden sich beispielsweise: Trenchcoat, Loafer, Seidenkrawatte, Poloshirt, Kaschmirschal, Cordhose, Einstecktuch, Pinky-Ring, Herren-Handtasche, Neckerchief, Cardigan, Safarijacket, Rugby Shirt, Wildleder-Blouson – also auch einige Dinge, die für andere Leute womöglich absolute No-Gos sind, weil sie unter Schnösel-, Gangster- oder Ü-80-Verdacht stehen. Doch als selbsternannter Gentleman ist Ben Bernschneider so ritterlich, seine persönliche Sicht als nicht zum Maß aller Dinge zu erheben. Er sieht seine Liste lediglich als Anregung. Das ist sie. Und noch einiges mehr.

