Charakter-Haut

Digitalisierung und Verfügbarkeitswahn haben einen Gegentrend: Archival Pieces – seltene Modestücke, die gereift sind wie ein guter Wein.

Archival Pieces? What the Chucks!? Was soll das denn sein? Erster Gedanke: Da ist etwas aus dem verfügbaren Sortiment ins Archiv gewandert. Ausgemustert, eingemottet. Zu gut erhalten zum Wegwerfen oder Recyceln, aber nicht mehr wirklich gefragt. Tatsächlich steht „Archival Pieces“ für substanzielle Modeartikel aus früheren Kollektionen eines Designers, die darüber hinaus von historischem, künstlerischem oder kulturellem Wert sind und die nur in einer sehr überschaubaren Stückzahl verfügbar sind. Das unterscheidet sie von klassischer Vintage-(Marken)-Mode wie sie in fast jeder Second-Hand-Boutique zu finden sind. Bei diesen „Archivstücken“ handelt es sich oftmals um exklusive Laufsteg-Modelle, Haute Couture oder um limitierte Kollaborationen, die einen Höhepunkt in der Karriere eines Designers markieren. Markante Beispiele sind Alexander McQueens tief tailliertem „Bumster“-Rock, der erstmals in seiner Frühjahr/Sommer-Kollektion 1995 präsentiert wurde, und Yves Saint Laurents ikonischer Damen-Smoking „Le Smoking“ von 1962.

Dass eben solche Stücke nach so langer wieder gefragt sind, führen Branchen-Insider darauf zurück, dass sie für etwas stehen, das der heutigen Mode weitgehend fehlt: Geschichte. Charakter. Vielleicht auch das nostalgische Etwas. Bedingt durch die Sehnsucht nach der guten, alten Zeit, die sich umso deutlicher abzeichnet, je düsterer oder nebulöser die Zukunft wirkt. Dieser Rückgriff auf „gereifte Mode“ ist auch ein Gegentrend zur zunehmend empfundenen Substanzlosigkeit aktueller Mode, ihrer Allgegenwärtigkeit und permanenten Verfügbarkeit.

Man könnte auch sagen: Unser überdigitalisierter Alltag hat uns ermüdet. Was permanent und mühelos zu haben ist, verliert schnell an Wert und persönlicher Bedeutung. Das gilt für Handy-Fotos, die schnell und ohne besonderes Interesse für das Objekt geknipst wurden, ebenso wie für Kleidung, die man mit wenigen Klicks im Internet bestellt hat. Und wie beim Menschen entsteht auch bei Kleidung Charakter mit der Zeit, mit der Erfahrung, mit den Verletzungen und Triumphen, die sie über die Jahre und Jahrzehnte gesammelt hat.

Neu ist ein Kleidungsstück immer nur sehr kurz. Aber wenn es eine Geschichte, wenn es Charakter hat, bleibt das. Für immer. Kleidung reift gewissermaßen mit dem Tragen. Erst die Narben machen eine Lederjacke zu einem besonderen Stück. Vielleicht hat sie uns bei einem Sturz vor schlimmeren Verletzungen bewahrt, vielleicht erinnert uns ein kleiner Riss am Ärmel an eine unvergessliche Reise. Und neigen wir nicht immer wieder dazu, Schuhe oder Hosen weit über das optische Haltbarkeitsdatum hinaus zu tragen, weil sie uns zur zweiten Haut geworden sind, weil sie uns so lange und treu begleitet haben, durch gute und schlechte Zeiten?

Abgesehen von Alter und Reife unterscheiden sich Archival Pieces von normalen Lieblingsstücken nicht nur beim Preis. Sie heben die persönliche Dimension auf eine gesellschaftliche oder kulturelle Ebene. Celebritys, die sich mit Archival Pieces einkleiden, transportieren damit bewusst oder unbewusst kulturelle oder historische Referenzen. Sehr prominent Kim Kardashian bei der Met Gala 2022, als sie eines der berühmtesten Kleider der Welt trug: Jenes bodenlange, eng anliegende, kristallfunkelnde blassrosane Nichts, in dem Marilyn Monroe 1962 ein Geburtstagsständchen für US-Präsident John F. Kennedy sang. Um dieses Kleid zu tragen – das Original, keine angepasste Kopie – verordnete sich Kardashian eine strenge Diät. Auch das ein Beitrag zur Wertschätzung des Kleides. Verständlich, dass man solche Modestücke nicht bei Amazon erhält. Um an Archival Pieces zu kommen, sollte man schon sehr spezialisierte Händler aufsuchen oder Auktionshäuser à la Sotheby’s.
 
Foto: Zabulon Laurent/ABACA/Shutterstock


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