Die italienische Designerin Orsola de Castro engagiert sich seit Jahrzehnten gegen die Wegwerf-Kultur in der Modebranche. Motto: Retten durch Reparieren.
Die Mode-Industrie ist eine gewaltige Müllfabrik. Während Jahr für Jahr mehr Kleidung produziert wird, sinkt deren Lebensdauer immer weiter. Das heißt, wir kaufen immer mehr Kleidungsstücke und tragen sie immer kürzer. 92 Millionen Tonnen Textilien werden jedes Jahr weggeworfen. Nur ein Prozent davon wird recycelt. Das ist eine enorme Belastung für das Ökosystem, da viele Textilien Kunststofffasern enthalten, die biologisch nur schwer abbaubar sind. Zudem verbraucht die Herstellung eine Unmenge an Ressourcen, darunter Wasser, die dann an anderer Stelle fehlen.
Es mag überraschen, dass ausgerechnet eine Modedesignerin dazu aufruft, Kleidung nicht mehr wegzuwerfen, sondern sie möglichst lange zu behalten und durch Reparatur auch möglichst lange am Leben zu halten. Doch die bald 60-jährige Orsola de Castro fing schon früh damit an. In den 90er-Jahren gründete sie ihr eigenes Modelabel „From Somewhere“, für das sie ausschließlich gebrauchte Materialien verwendete. Sie wehrt sich gegen die Haltung, dass sich Reparatur nur bei teuren Kleidungsstücken lohnt. Auch billige Kleidung hinterlasse eine deutliche Spur in der Umwelt, ganz zu schweigen von den sozialen Auswirkungen – Stichwort: Ausbeutung.
„Richtig cool ist, wer seine Liebe zu seinen Klamotten zeigt und sie repariert“, sagt de Castro in einem Interview und verweist auf einen Widerspruch: „Es ist doch absurd: Wir zahlen einen Aufpreis für neue Billig-Jeans, in die extra Verschleißspuren und Löcher gestanzt wurden, aber gleichzeitig schämen wir uns, wenn ein Pullover einen Fleck hat. Das einzige Gegenmittel zur Wegwerfkultur ist das radikale Behalten.“
Freilich steckt nicht in jedem Menschen ein Näh-Genie. Das sei auch gar nicht nötig, sagt die Modedesignerin. Vieles geht ganz einfach. Und im Notfall kennt man immer jemanden, der das noch besser kann. In ihrem 2023 erschienenen Buch „Loved Clothes Last“ (dt.: „Geliebte Sachen: Warum nachhaltige Kleidung uns glücklicher macht“) gibt sie allerdings weniger konkrete Anleitungen, wie man kaputte Kleidung repariert. Sie ermutigt und inspiriert vielmehr mit allgemeinen Erkenntnissen (etwa wie man durch sparsameres Waschen die Wäsche schont) und Argumenten zur Reparatur. Beispielsweise mit einem Verweis auf „Boro“, einer japanischen Nähtechnik, mit der sich Flicken mit sichtbaren Stichen an kaputten Jeans befestigen lassen, wodurch die Reparaturstellen zum Hingucker werden.
Wie das im Einzelnen funktioniert, dafür gibt es u. a. auf Youtube und privaten Blogs unzählige Tutorials mit kreativen Vorschlägen. Kleine Löcher in T-Shirts und Pullovern lassen sich ebenso leicht unauffällig reparieren wie verzieren, indem einfach ein geometrisches Muster über das Loch genäht wird, ein Stern oder eine Blume. Damit wird zugleich das Problem gelöst, dass man keinen Faden in der exakten Farbe des T-Shirts oder Pullovers hat, denn die Reparaturstelle soll ja auffallen. So mancher entdeckt durch das Flicken und Reparieren sogar ein neues Hobby. Und vielleicht ist es ja mit der Kleidung wie mit uns Menschen, wo Spuren des Alterns nicht selten Charakter verleihen.
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