Wiener Blut

Wie ein österreichischer Modedesigner die 1990er zu seinem Jahrzehnt machte, zeigt die Ausstellung „HELMUT LANG. SÉANCE DE TRAVAIL 1986–2005“ in Wien.

Findet Avantgarde-Mode ein Echo in der Popkultur, wirkt das wie ein TÜV-Siegel für Street-Credibility. Es öffnet die Tür zum Mainstream. Auf dem Cover des New-Order-Albums Get Ready von 2001 posiert die deutsche Schauspielerin und Filmregisseurin Nicolette Krebitz mit Handkamera, T-Shirt und Painted Jeans von Helmut Lang. Eine Levis-501-ähnliche Bluejeans mit unregelmäßigen weißen Farbflecken. Damit führt Helmut Lang die Jeans zurück zu ihren Wurzeln im Arbeiter-Milieu – eben dafür wurde sie im 19. Jahrhundert entwickelt, als bequeme und zugleich robuste und haltbare Arbeitshose.

Erst im 20. Jahrhundert eroberte sie die Mittelklasse und wurde schließlich auch für die Oberschicht tragbar. Heute denkt wohl niemand mehr an Industriearbeiter, wenn er eine Jeans anzieht. Aber vielleicht fühlt sich so mancher beim Anziehen einer Painted Jeans erinnert an seine Versuche, die eigenen vier Wände zu streichen. Zugleich betont der androgyne Schnitt der Hose den gesellschaftlichen Trend zur Einebnung geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Mode. Ein Blick zurück und nach vorn.

Der österreichische Künstler und Mode-Designer Helmut Lang bescherte der Mode weit mehr als nur ein paar weiße Farbkleckse. Ende der 1980er-Jahre transplantierte er den klassischen Laufsteg aus seinem exklusiven Glamour-Körper in ein industrielles Ambiente und nannte seine Präsentationen „Séance de Travail“ (zu deutsch: „Arbeitssitzung“), und befreite sie gewissermaßen von ihrer überhöhten Künstlichkeit.

Auch in der Zusammenarbeit von Kunst und Mode setzte Helmut lang Maßstäbe. Zwar war er bei Weitem nicht der Erste, der auf diese Form fruchtbarer Kooperation setzte – legendäre Beispiele sind Yves Saint Laurent und Piet Mondrian sowie Elsa Schiaparelli und Salvador Dalí – doch drückte Helmut Lang auch diesem Metier seinen Stempel auf: So warb er für seine Parfums in minimalistisch designten Flacons mit Texten der amerikanischen Künstlerin Jenny Holzer: „I smell you on my skin“, lautet die letzte Zeile auf einer doppelseitigen Werbe-Anzeige, die nur aus Text bestand.

Nun ehrt das Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) den zum Glück noch lebenden Künstler und Mode-Designer mit einer Retrospektive der Jahre 1986 bis 2005. Zu sehen sind u. a. ein maßstabgetreuer Nachbau der Flagshipstores in New York und Paris, Videos seiner Präsentationen und zwei der Taxi-Lichter (dort steht „Helmut Lang“ statt der üblichen Aufschrift „Taxi“), mit denen Helmut Lang in New York für seine Marke warb. Dabei geht es den Ausstellern nicht allein um Langs Einfluss auf die Mode, vielmehr verorten sie sein Schaffen im gesellschaftlichen Kontext. Denn Helmut Lang versuchte stets, über die etablierten Grenzen Mode hinaus zu denken und zu handeln. Cool und heiß zugleich – wie Wiener Blut.

Die Ausstellung geht noch bis zum 3. Mai 2026. Foto: Helmut Lang, New York City Taxi Top, Werbung, 1998–2004. MAK Helmut Lang Archiv, LNI 649. Foto: MAK/Christian Mendez.


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