Entgegen ihrer exklusiven Entwürfe tragen viele Mode-Designer selbst am liebsten Jeans, T-Shirt und Sneaker. Kein Zufall, sondern Methode, glaubt die Zeitschrift Vogue Collections.
Nein, Karl Lagerfeld war kein typischer Modedesigner. Schon gar nicht, wenn es um den eigenen Kleidungsstil ging. Fast immer im Anzug mit hochgeschlossenem Hemdkragen, dazu Sonnenbrille und Handschuhe, als habe er Berührungsängste mit der Wirklichkeit da draußen, jenseits der Ateliers und Laufstege.
Zumindest bei vielen Vertretern der nachfolgenden Generationen von Modedesigner hat man das Gefühl: So exklusiv und opulent manche ihrer Entwürfe auch sein mögen, sie selbst kleiden sich am liebsten in Jeans, weißem T-Shirt und Sneakers, thematisierte das französische Modemagazin Vogue Collections.
Unter ihnen Victoria Beckham, Matthieu Blazy, aktuell Kreativ-Direktor bei Chanel, Stella McCartney (Bild) und Nicolas Ghesquière, langjähriger Kreativ-Direktor bei Louis Vuitton. Egal, was die aktuelle Saison auf den Laufsteg bringt, die Damen und Herren tragen stets ihre immer gleiche „Uniform“.
Man denkt an den verstorbenen Apple-Chef Steve Jobs, der grundsätzlich nur in Bluejeans und schwarzem Rollkragenpullover existierte. Ein ähnliches Phänomen lässt sich mitunter auch bei Vertretern anderen Berufe beobachten: Da gibt es beispielsweise den Sternekoch, der privat vor allem Fastfood oder Fertiggerichte aus der Tiefkühltruhe verspeist, oder den Metzger, den das viele Fleisch, mit dem er täglich zu tun hat, selbst zum Vegetarier macht.
Was bringt also Top-Designer dazu, selbst am liebsten unauffälligsten Street-Style zu tragen? Reine Bequemlichkeit? Oder einfach ein notwendiger Kontrast zur Komplexität der Kleidung, die sie entwerfen? Ein weiteres Argument findet die Vogue beim Dior-Designer Jonathan Anderson: „Ich trage schwarze, weiße oder graue Uniqlo-T-Shirts zu einfachen Jeans. Ich denke, man braucht eine gewisse Neutralität, um Fantasie zu erkunden.“ Damit wäre die Uniform nicht ein Weg zu Gleichmacherei wie es bei bestimmten Berufen beabsichtigt ist, etwa Polizei und Militär. Die vielmehr individuelle Uniform der Designer wäre ein Mittel, um den Geist ballastfrei zu halten für kreative Ausflüge.
Wer morgens nicht darüber nachzudenken braucht, was er oder sie anzieht, und wie diese Wahl möglicherweise auf andere wirkt, hat den Kopf frei für die wichtigen Dinge: Und das sind bei Designern eben die Entwürfe für die nächste Saison. So gesehen wäre allerdings auch Karl Lagerfelds stets gleicher, wenn auch gehobenerer Stil eine Art Uniform, die vermutlich seine Kreativität begünstigte.
Foto: Helmut Fricke

