Wenn der Schlaf Probleme macht, kann es auch an der Kleidung liegen. Was wir unter der Bettdecke tragen, spielt eine Rolle – auch bei der Schlafqualität.
„Wir müssen alle viel länger schlafen“ sang die Hip-Hop-Band Regenundmild 1999 wie als vorgezogener Soundtrack zu Byung-Chul Hans knapp zehn Jahre später veröffentlichten Buch Die Müdigkeitsgesellschaft, in dem er die chronische Erschöpfung zum Zeitgeist erhebt. Schlafmangel kann viele Ursachen haben, die wir nicht alle gleichermaßen beeinflussen können.
Relativ leicht zu handeln und dennoch wichtig ist die Wahl der Schlafkleidung. „Je näher etwas am Körper ist, desto größer ist der Einfluss auf den Schlaf“, sagt der Schlafforscher Günther W. Amann-Jennson in einem Gespräch mit dem Wäschehersteller Hanro. „Die Unterwäsche ist die zweite Haut, die Nachtwäsche ist die dritte Haut und das Bett ist die vierte Haut des Menschen. Diese Schichten müssen natürlich miteinander interagieren.“
Bei einer durchschnittlichen Schlafzeit von 7 bis 8 Stunden täglich ist das ein sehr langer Haut-Kontakt. Zudem muss der Stoff im Laufe des Schlafs mehr als einen halben Liter Wasser aufnehmen, um ihn anschließend wieder abzugeben. Ist dieser Prozess durch die Textilbeschaffenheit nicht gut gesteuert, wirkt sich das negativ auf die Schlafqualität aus bis hin zu einer möglichen Erkältung. Amann-Jennson hält die richtige Nachtwäsche gar für eine „Form der passiven Therapie“ und rät zu natürlichen Stoffen: „Je natürlicher die Faser ist, desto natürlicher ist die Kommunikation mit dem Körper, denn der Körper geht in Resonanz mit diesen Materialien. Ich habe sozusagen einen zusätzlichen Schutzfaktor und eine Funktion, wie die Regulation von Feuchtigkeit und Wärme. Eine Hauptfunktion der Nachtwäsche ist, dass die Feuchtigkeit bzw. der Feuchtigkeitsfilm, der am Körper gebildet wird, aufgesaugt werden kann.“
Allerdings spielen für den ein oder anderen auch optische Details eine Rolle, denn auch sie tragen zum Wohlfühlen bei. Ein Kleidungsstück, das einem gefällt, trägt man nun mal lieber. Es muss ja nicht gleich so exzentrisch sein wie in der aktuellen Netflix-Serie Too Much. Deren Protagonistin, die rubensfigürlich gebaute Jessica Salmon, gespielt von Megan Stalter, flieht nach einem Liebesdebakel von New York nach London. Ihre einsamen Abende und Nächte verbringt sie bevorzugt mit ihrem Hund Astrid und verspielten Baumwollnachthemden, an denen die Rüschen wuchern wie Efeu an einer Friedhofsmauer.
Das erinnert mitunter an die Nachtmode im England Queen Victorias, mitunter aber auch an die Corona-Jahre, die Ästheten als Anfang vom Ende der westlichen Zivilisation markieren, an jenes depressionskultivierende Verschmelzen von Arbeit und Freizeit, von Büro und Bett, von Pyjama und Anzug: Als textiler Kompromiss verbreitete sich eine Art Lounge-Wear, die mit zunehmender Lockerung der staatlich organisierten Freiheitsberaubungen mehr und mehr nach draußen drängte. Das Material gibt Jessica recht und auch modisch könnte sie einen Trend setzen: Wenn wir wieder mehr Aufmerksamkeit auf unsere Schlafqualität richten, rückt auch die Schlafbekleidung in den Fokus. Und wenn es einen wohligen Schlaf fördert, ist selbst ein überschnörkeltes Nachtkleid gesünder als Schokolade zum Frühstück.
Credit: Shutterstock

