Der opulente Bildband Jil Sander by Jil Sander beleuchtet das Genie der stets nach vorne gerichteten Mode-Ikone mit ihrem Blick für Körper in Bewegung.
Am Harvestehuder Weg in Hamburger Bezirk Eimsbüttel, wo Jil Sander über 20 Jahre lebte, steht eine Skulptur von Orpheus und Eurydike, ein berühmtes Paar der griechischen Mythologie. Um seine verstorbene Geliebte wiederzugewinnen, steigt Orpheus in die Unterwelt hinab. Die Melodien, die Orpheus seiner Lyra entlockt, rühren Hades, den Gott der Unterwelt, so sehr, dass er Orpheus gestattet, Eurydike mitzunehmen, sofern es ihm gelingt, sich auf dem Weg nach oben nicht nach ihr umzusehen. Als Orpheus Eurydikes Schritte nicht mehr hört, wendet er sich um und Eurydike verschwindet.
Jil Sander scheint diesen Mythos verinnerlicht zu haben, denn ihr Blick war stets nach vorn gerichtet: in die Gegenwart und zu dem, was da kommen mag. Sanders Instrument war und ist das Auge. Eine Auge, das stets nach neuen Wegen sucht. Erst 2017, im Alter von 74 Jahren gestattete sie einen Blick auf ihr Lebenswerk – im Rahmen einer Ausstellung im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst. Der aufwendig gestaltete und bebilderte Kunstband Jil Sander by Jil Sander, der im Oktober im Prestel Verlag erschienen ist, verweigert sich wenig überraschend einer chronologischen Abfolge des Schaffens der Modedesignerin. „Seit jeher orientiert sie sich an der Gegenwart und dem, was auf sie zukommt. Sie ist davon überzeugt, dass ihre Ästhetik von Anfang an da war und sich in der Zeit nur entfaltet hat. In diesem Sinne folgt der Text dieses Buches zwei ihrer Lieblingsformen, dem Kaleidoskop, wie sie es mit Mario Merz für die Florentiner Biennale gestaltet hat, und der Spirale“, schreibt Ingeborg Harms, die zum Buch die Texte beigesteuert hat. Und: „Ihre Wurzeln liegen in der Zukunft, in diesem Sinne entspricht sie dem Credo der Moderne.“
Jil Sander – das zeichnet sie aus – folgte stets ihrer eigenen Philosophie und ließ sich nie von kurzlebigen Modetrends berauschen. Minimalismus und Businessmode, worauf Medienstimmen sie bisweilen reduzieren, Stichwort „Queen of Less“, ergibt indes ein unvollständiges Bild ihres Wirkens. „Der Jil Sander-Purismus war gar nicht so kühl, schon die Stoffe haben in ihrer oft eigens entwickelten Qualität und Struktur viel Sorgfalt und Liebe ausgestrahlt. Und auch was die Schnitte und Silhouetten betrifft, waren sie nie minimalistisch“, sagte Jil Sander in einem Interview zur Ausstellung. „Wenn Sie die Laufsteg-Videos anschauen, dann sehen Sie skulpturierte, dreidimensionale Formen und oft überraschende, die Sehgewohnheiten herausfordernde Proportionen. Auch in der Verarbeitung, den Nähten, den Futter- und Wattierungskonstruktionen herrschte handwerkliche Opulenz.“
Aufgewachsen in den restaurativen 40er und 50er-Jahren, ging Jil Sander von Anfang an einen anderen Weg: ihren eigenen. Anstatt Frauen in „gefällige Püppchen“ zu verwandeln, wie eine von Männern kontrollierte Gesellschaft sie gerne sah, wollte Jil Sander Frauen anziehen, dabei durchaus ihre Weiblichkeit und Attraktivität betonen. Und sie beschränkte sich auch nie darauf, Modepuppen extravagant anzukleiden. Stets ging sie einen Schritt weiter. „Es ist die Stärke der Jil Sander-Formen, dass sie den Körper in Bewegung mitdenken“, schreibt Ingeborg Harms. „Sie sind nicht nur in der frontalen Runway-Optik attraktiv, sondern entfalten ihr Potenzial aus jeder Perspektive wie ein Mobile aus Stoff.“
„Jil Sander by Jil Sander“ bei Prestel erschienen. ISBN: 978-3-7913-8954-7

