Glanzstücke

Die Perlen sind zurück. Nach einem langen Schattendasein als biederes Royality- und Rechtsanwältinnen-Gadget sieht man sie wieder überall, in ihrer ganzen Vielseitigkeit.

Georges Bizets Oper Les pêcheurs de perles (Die Perlenfischer) ist ein Lobgesang auf Freundschaft und Liebe – auch wenn sich die beiden oft in die Quere kommen. Zugunsten ihrer Freundschaft verzichten zwei junge Perlenfischer, Nadir und Zurga, auf das Mädchen Leila, das sie beide lieben. Als die Freunde sich nach langer Zeit wiedersehen, verliebt sich Nadir erneut in seine einstige Liebe. Da Leila inzwischen Priesterin ist, fordert die Gemeinschaft den Tod der beiden Liebenden. Zurga erkennt an Leilas Hals die Perlenkette, die er einst der Frau schenkte, die ihm vor langer das Leben rettete. Zurga lässt die beiden Liebenden entkommen.

Wegen ihrer Seltenheit und Schönheit erlangten echte Perlen in fast allen Kulturen, in denen sie bekannt waren, auch vielfältige symbolische Bedeutung. In Bizets Oper steht sie für eine erhabene, reine Liebe, die größer ist als Eifersucht und menschliche Gesetze. Neben ihrer materiellen Kostbarkeit könnte das ein weiterer Grund sein, warum sie so gerne von staatlichen Königinnen und Screen-Queens getragen wurde und wird. Als symbolische Erhöhung. Das bekannteste Bild einer Frau mit Perlen ist vermutlich Audrey Hepburn als Partymaus Holly Golightly in Frühstück bei Tiffany, die sich prinzessinnenhaft im Schaufenster des Nobeljuweliers Tiffany spiegelt und so gerne auf der anderen Seite wäre.

In der Mode waren Perlen lange weg vom Fenster. Assoziationen mit betulichen Kaffeekränzchen-Ladys im Rollkragen-Pulli oder als Bling-Bling-Parade zu den Abendkleidern kreuzfahrender Ü-70-Damen auf Männerfang überlagerten den einstigen Hepburn-Schick. Nun sind die Perlen zurück in der Mode. Eine der Wiedergeburtshelferinnen war die Schauspielerin Lupita Nyong’o. Zur Oscarverleihung 2015 erschien sie mit einem Mund-offen-Steh-Kleid aus sechstausend echter weißer Perlen. Ein ästhetischer Paukenschlag oder vielmehr Urknall, der erst einmal verdaut werden musste. Doch dieses Jahr regnet es geradezu Perlen auf den Modeschauen. Bei der Pariser Modewoche im März trugen die Models der französischen Labels Y/Project sogar Perlenketten an den Füßen. Locker und großformatig wie eine Halskette, als wären sie Teil des Schuhs. Es gab eigentlich keinen sichtbaren Bereich des Outfits, der nicht mit einer Perlenkette aufgewertet wurde. Chanel zeigte u. a. einen Perlenschmuckgürtel und einen Handtaschengurt aus Perlen. Und Richard Quinn toppte Nyong’os Oscar-Auftritt mit einer Art perlendekorierten Zentai-Kleid, das auch noch die Pumps umschloss. Einige sehen in diesem Perlenregen die Abkehr von der Streetwear, die Rückkehr der Mode zu eher klassischer Weiblichkeit à la Coco Chanel und Jackie Kennedy. Andere erkennen in den Perlen einen dauerhaften Wert und ein mystisches Symbol, geheimnisvoll wie das Meer, aus dem sie kommen.

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