Karomania

Das Karomuster rockt den Herbst und ist allgegenwärtig bei Frauen wie Männern. Und es wird ein langer Herbst, denn Experten prophezeien diesem Trend quasi Unsterblichkeit.

So einig waren sich Modedesigner selten: Ab diesem Herbst regiert Karo. Karos in allen Größen und Mustervarianten: das ganze Programm: Glencheck (Schottenmuster aus hellen und dunklen Fäden), Hahnentritt, Pepita, Schachbrett, Tattersall, Vichy-Karo … Zu sehen auf sämtlichen Kleidungsstücken und Accessoires. Von den Schuhen bis zum Hut. Als wadenlanger Glencheck-Mantel mit passenden Stiefeln von Fendi, als Hotpants mit Formel-Eins-Zielflaggen-Muster von Tommy Hilfiger oder als Kombi aus Hahnentrittwollmantel und Tartan-Mini-Tweedkleid bei Max Mara. Die Karomania hat auch den Segen des Deutschen Modeinstituts – bei Womens- wie Menswear. Besonder häufig zu sehen sind Karo- und davon abgewandelte Muster demnach auf dem Rock, dem absoluten Key-Piece der Herbst/Winter-Mode 2019/20. Und nicht nur bei der dominanten Midi-Länge. Karos ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Materialien (Wolle, Chiffon, Plissee), Schnitte (Wickel- oder Faltenrock) und Verarbeitungstechniken (gewebt oder bedruckt). Selbst im Fußball sind die Kästchen angekommen: In dieser Saison trägt der spanische Meister FC Barcelona seine Heimfarben Blau und Weinrot erstmals im Schachbrettmuster.

Dieses Karo-Comeback, das sich liest wie eine Werkschau aller bekannten Kästchenmustervarianten, soll sehr ausdauernd sein. Geradezu unsterblich wie der Highlander aus der gleichnamigen 80er-TV-Serie. Das ist kein Zufall. Die gefühlte Mutter aller Karomuster ist der schottische Tartan. Seine Bekanntheit und Beliebtheit verdankt er größtenteils Bonnie Prince Charlie, dem Highlands-Rebellen und „ersten jakobinischen Posterboy“ (BBC). Bonnie verlor zwar die Schlacht von Culloden 1746 gegen die Briten. Dafür gewann er den Mode-Battle, schreibt William Cook. Gerade als Verlierer befeuerte Bonnie die romantischen Rebellen-Mythen. Erst recht, da die Kleidung der Highlands-Rebellen nach der Schlacht verboten wurde. Betrachtet man die Marken und Labels, die das Tartanmuster verwenden, steht es längst genauso für Kultiviertheit, Qualität und Stil. Ob der Brexit mit diesem gewaltigen Comeback zu tun hat? Mit etwas Fantasie und Geschichtsbewusstsein lässt sich in die neue Omnipräsenz des Karomusters ein modisch-romantischer Aufschrei hinein spekulieren: gegen die selbst gewählte britische Isolierung. Das schottische Tartanmuster ist heute ein globales Modestatement, das weltweit verbindet, statt trennt.

Foto: Stephane Cardinale – Corbis/Corbis via Getty Images

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