Das Prinzip Camp

Das MET feiert ein Kunstkonzept, das in einem legendären Essay aus den 60ern umrissen wurde: Notes on Camp von Susan Sontag.

Wenn das Metropolitan Museum of Art diesen Mai zur jährlichen MET-Gala lädt, fokussiert die angegliederte Mode-Ausstellung einen Begriff, der vor 55 Jahren ein breiteres kunstinteressiertes Publikum aufrüttelte: Camp. Die Essenz von Camp, schreibt Susan Sontag (1933-2004) in ihrem Essay Notes on Camp von 1964, „ist die Liebe zum Unnatürlichen: zur Künstlichkeit und Übertreibung“ und provoziere zu Statements à la „es ist gut, weil es schrecklich ist“. Camp „verkörpert den Sieg von Stil über Inhalt, von Ästhetik über Moral, von Ironie über Tragödie“. Camp feiert den Genuss des scheinbar Trivialen, Trash und Popkultur, Kunstformen, über die klassische Verfechter der vermeintlich hohen Kunst ihre Nase rümpfen würden. Sontag sieht in Camp die extremste Form der Metapher vom „Leben als Theater“, als „modernen Dandyismus“, stets Oscar Wilde vor Augen, dem sie ihren Essay widmet.

Das Prinzip Camp offenbart sich in diversen Spielformen der Kunst: Architektur, bildende Kunst, Design, Film, Literatur, Mode, Musik – überall dort, wo ein Spannungsfeld herrscht zwischen elitärem Anspruch und Massenkultur. Camp ist auch eine Art Brücke zwischen akademischer Kunst und Popkultur bis Kitsch. Zeitgenössische Camp-Künstler sind das französische Duo Pierre et Gilles und der Amerikaner Jeff Koons mit seiner 14 Meter hohen christbaumkugelmetallisch glitzernden, luftgefüllten Ballerina, die er 2017 vor der Rockefeller Center installierte. Es ist auch der Kontext, der Kunst zu Camp macht. Erst durch den ironischen Aufdruck „Das kleine Schwarze“ – zu sehen beim Designer Virgil Abloh 2018 – werde das kleine Schwarze zu Camp, notiert die Zeitschrift Vogue. Der springende Punkt bei Camp „ist das Seriöse zu entthronen“, schreibt Sontag. „Camp markiert ein neues, komplexeres Verhältnis zum ‚Ernsthaften‘. Man kann das Belanglose ernst nehmen und sich dem Ernsten gegenüber belanglos geben.“

Foto: Spinel / Shutterstock.com

2 Comments on “Das Prinzip Camp”

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