Rock ’n‘ Roll Neck

Es heißt, der Rollkragenpullover sei zurück. Ja und nein. Die Mode hat ihn wieder entdeckt – bei Menschen mit Stil war er nie weg. Kaum ein Kleidungsstück transportiert seine Botschaften geschmeidiger als der Rollkragenpullover (engl.: roll neck, amerik.: turtleneck). Er reflektiert den Zeitgeist, passt sich aber keineswegs an, sondern interpretiert ihn auf seine Art. Elegant wie ein Bauhausmöbel, dabei vielfach kombinierbar und niemals Mainstream. In den späten 1960ern wurde das umqualmte It-Piece der Jazz liebenden Existenzialisten und Bohemiens zum politischen Statement von der symbolischen Wucht eines Che-Guevara-T-Shirts – wenngleich auf einer intellektuelleren Ebene als das Konterfei des kubanischen Revolutionspragmatikers. Getragen von Studenten, Dozenten und Professoren. Auf jedem dieser Pullover stand in unsichtbaren Lettern der abgewandelte Werbeslogan der FAZ: Darunter steckt immer ein kluger Kopf. Dann machte Hollywood den Rolli en vogue. Dank Stilikonen wie Audrey Hepburn und Steve McQueen. Ein Hauch von Revolte blieb dabei stets haften, eingenäht wie ein Etikett. Unvergesslich: der Blaxploitation-Kultfilm Shaft, 1971, mit Richard Roundtree. Als Privatdetektiv John Shaft schreitet er durch die Straßen New Yorks. Unter dem wehenden braunen Ledermantel lugt ein beigefarbener Rollkragen hervor. Klare Ansage: This man can do it! Maximaler Coolcredits-Score. In den 1980er und 1990er Jahren herrschten schwarze Rollkragenpullover – oft unterm Sakko – wie eine Uniform über die Büros der Architekten, Designer, Medienmacher und Werbeleute. Wer Rollkragen trug, war jetzt Avantgarde. Das gefiel auch dem 2011 verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs. Er machte sich den Pullover zum Markenzeichen – wie Udo Lindenbergs Hut und Karl Lagerfelds dunkle Sonnenbrille. Jobs trug sein Lieblingsstück auch in einer Zeit, in der Rollis in den Schaufenstern eher selten zu sehen waren. „Think different.“ Eben dieses Image hebt den Rollkragen über das saisonale Schnitte- und Formen-Zapping der Modebranche und macht ihn zu einem Kleidungsstück, das immer etwas zu sagen hat.

Foto: Yves Saint-Laurent. Paris, 1962. The Estate of Jeanloup Sieff.

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