Alle unter die Haube

Harper’s Bazaar konnte es kaum fassen: „Trägt man in diesem Herbst wirklich Balaklava?“ titelte das Modemagazin in einem Beitrag Anfang September 2018 und bescheinigte dem Kleidungsstück zwar mangelnde Ästhetik, zugleich aber eine starke Wirkung als „optisches Störfeuer“. Mit der Präsenz auf den Laufstegen hat die Balaklava – auch Skimaske oder Sturmhaube – ihr spezifisches und rein funktionales Umfeld (Wintersport, Bankraub, Überfallkommando) verlassen und rückt beinahe ebenso überfallartig in den Alltag vor. Unter Balaklava versteht man Mützen mit Halsstück, die einen Teil des Gesichts bedecken oder es zumindest einrahmen. Die Öffnung zur Mode und der Technikboom in der Funktionskleidung brachten neue Entwicklungen bei Schnitt, Farbe und Material.

Heute gibt es die Hauben auch in knallbunter Strickwolle, mit unterschiedlichst akzentuierten Öffnungen und in einer großen Bandbreite an Stoffen wie Merino, Neopren, Polyester und Seide. Über die Herkunft dieses Trends lässt sich nur rätseln: Ist es eine Antwort auf den Overkill maskierter und teilmaskierter Helden und Superhelden im Hollywoodkino – einschließlich Catwoman und Kick-Ass – ebenso wie deren Gegenspieler? Oder eher ein individualistischer Rückgriff auf die Anonymous-Bewegung hinter ihren stoisch lächelnden Guy-Fawkes-Masken? Vielleicht eine ironische Anspielung auf den Sexismus des religiös motivierten oder vielmehr mit Religion kaschierten Frauenverpackungswahns? Vieles ist denkbar. Politische Themen und ethische Fragen (Ausbeutung, Umweltverschmutzung, Tierschutz, Frauenrechte, etc.) haben die Mode erreicht – gleichzeitig bleibt sie im Rahmen der Massenproduktion ein fester Bestandteil des kapitalistischen Systems. So gesehen ist auch die Balaklava ein Kleidungsstück, das jeder für sich mit einer Botschaft aufladen kann. Wahlweise führt man sie zurück zu ihrem Ursprung – als praktisches, wärmendes Kleidungsstück für frostige Tage, das obendrein noch hip ist.

 

Foto: Shutterstock.com

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