Die Gelbweste

Die Mode eilt dem Kapitalismus voraus wie Marianne – barbusig und Trikolore schwenkend – den französischen Revolutionären auf Eugène Delacroix‘ berühmtem Gemälde von 1830. La Liberté guidant le peuple (Die Freiheit führt das Volk). In dieser Eigenschaft zeigt die Mode seit Jahrzehnten eine enorme Wachsamkeit gegenüber sozialen Bewegungen, Jugend-, Sub- und Protestkultur. Um sie schnellstmöglich zu vereinnahmen und zu vermarkten, was meist deren Ende bedeutet.

Punk starb nicht, als die Sex Pistols sich auflösten. Punk starb, als Modeketten wie H&M „Punk-Klamotten“ ins Sortiment nahmen. Oder wie es ein Twitterbeitrag auf den Punkt brachte: „Punk’s not dead. Punk’s on sale.“ Diese Vereinnahmung funktioniert deshalb so gut, weil Protestkultur und Mode auf einem gemeinsamen Prinzip basieren: „Konformität und Distinktion“ (Georg Simmel). Nur dass sich Mode grundsätzlich nach unten abgrenzt, während die Jugend- und Protestkultur sich meist nach oben abgrenzt.

Ob der gelben Weste (gilet jaune), die derzeit das Straßenbild von Paris beherrscht, ein ähnliches Schicksal blüht wie dem Punk und der Hippiekultur, ist schwer zu sagen. Dagegen spricht, dass die gelben Westen, sobald sie dem unmittelbaren Kontext als Protestkleidung beraubt sind – etwa auf dem Laufsteg oder in einem Kaufhausschaufenster neben anderen aktuellen Kollektionen – womöglich wieder primär als das wahrgenommen werden, was sie ursprünglich waren: gewöhnliche Warnwesten.

Dafür spricht, dass es der Mode immer wieder gelingt, neuen Kontext zu kreieren. Denkbar wären Farb-, Stoff- und Dessin-Variationen, elegantere Schnitte, gewagte Kombinationen oder aufgedruckte Pseudo-Protestslogans à la „Fashion pirate“ oder „Fashion now!“. Das Symbol der Protestbewegung, dieser sperrige Hybrid aus Kleidungsstück und Accessoire, hätte mit etwas Fantasie durchaus das Zeug zur Hipster- und Fashionista-kompatiblen Street- und Partywear. Spätestens dann wären die gelben Westen als Symbol des Protests vergilbt.

Foto: Conrad

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