Wenn wenig zu viel ist


Wir sind in der Award Season. Golden Globe, Grammy und bald die Oscarverleihung. Neben den Award-Gewinnern, sind die Roben der Stars der Glamourfaktor, der einem Event erst die gehörige Portion Glanz verleiht. Couturehäuser stellen Outfits bereit, bekannte Juweliere kostspieliges Geschmeide nebst Security und eine ganze Armee an Stylisten arbeitet am perfekten Auftritt der Künstler. Und wir, die Zuschauer, erfreuen uns an märchenhaften Looks und an einer großen Portion modischer Inspiration für unseren Alltag. Bislang jedenfalls. Seit zwei, drei Jahren erodiert meine Begeisterung. Schaut man sich die aktuellen Red Carpet Looks der Stars und Sternchen an, so kommt man nicht umhin, sich zu fragen: Gibt es geheim gehaltene Produktionsengpässe in der Textilindustrie und die Designer machen aus der Not eine Tugend oder ist ‚fast nackt‘ das neue ‚best dressed‘? Die Dekolletés sind so tief, weit oder durchsichtig, dass man bei manchen Outfits rufen möchte: Ladies, spart euch doch auch noch die paar Zentimeter Stoff überm Bund, wir haben eh‘ schon gesehen, was wir eigentlich nicht sehen wollten. Knappste Shorts unterm Blazer und Röcke so kurz wie ein breiterer Gürtel, Cut-outs und Transparenz an Körperstellen, die ich nicht an mir persönlich unbekannten Personen wahrnehmen möchte. Ich bin weder körperfeindlich noch neo-konservativ, aber ich bin eine große Anhängerin von ‚dem Anlass entsprechend‘ gekleidet sein. Außer am Strand, im Schwimmbad oder der Sauna, möchte ich höflich um „Imaginationsspielraum“ bitten. Ich möchte darüber entscheiden, ob ich darüber sinnieren möchte, wie vielleicht der Körper einer Person beschaffen ist, aber ich möchte es nicht partout müssen. Bei diesen plakativen Looks bleibt kein Spielraum. Schaut her, meine Beine und mein Hintern, meine Brüste, mein Bauch, es gibt kein Entkommen. Das Ende von Eleganz, Stil und Verführung. Sind sie Zeichen einer schnelllebigen Zeit, in der kein Raum gelassen wird für Sinnlichkeit und das Subtile; in der alles, was man bietet, sofort und in Versalien auf die Netzhaut des Betrachtenden geknallt wird? „Zu viel Information“ nach meinem Geschmack, wenn auch – bei den Red Carpet Looks – makellos dargeboten.

Foto: CBS Photo Archive/GettyImages


Autor: Simone Specht   |   14. Feb 2017   |   Stilkritik

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